Fünf Twitterer, Ein Stichwort: Following.


@peachlotte

„Über die, die manchmal meinen Tag retten. Ein Rezept.

Unbekannt bei Twitter ankommen, keine Anhaltspunkte haben. Sorgfältig ein kleines Expertenteam aus Twitterern und Newsdiensten zusammenstellen.

Bei den Coolen abgucken. Orientieren. Eine Liedlänge dann mal jedes Profil testen und durchforsten.

Bei mehr als 3 Sternen: den Followbutton klicken. Bei zu vielen Retweets, Replys, Instagramgeknipse oder überhaupt zu vielen Tweets nacheinander: den Cursor davon lassen.

Typische Twittertrigger wie Nutella, Einhörnern und sich ewig wiederholende Twitterschablonen vermeiden. Außer ‘Deine Mutter’-Sachen. Originalgedanken bevorzugen. Und lustige. Und versaute. Und manchmal auch herzschmerzschnulzige. Und selbstironische. Und nicht übermäßig eitele.

Am liebsten die verrückten.

Nachdem eine Lottemischung zusammengestellt ist, kommt eine ganze Reihe von süßen Männeravatarbildchen dazu, deren Tweets ganz erträglich bis wirklich gut sind.

Zum Schluss Komplimenthure sein, einen zweiter Blick auf die Twitterer werfen, die regelmäßig liebe Rückmeldung geben. Probehalber dann mal folgen und mit ein bisschen Glück kleine Juwelen entdecken.

Und am Ende in der Bahn sitzen oder im Wartezimmer oder irgendwo, scrollen, grinsen und froh sein, zu so einem merkwürdiggroßartigen kleinen Kosmos dazuzugehören.“


@nutellagangbang

„Followings bilden die Timeline, sie sind die eigentliche Essenz von Twitter. Ich persönlich folge mit weit über 600 Accounts vergleichsweise vielen, verstehe aber die Argumente derer, die ihre Timeline der Übersicht halber deutlich kleiner halten. Doch kann und will ich mich nicht auf die typischen Leaderboardkandidaten beschränken, es gibt so viele lesenswerte Menschen hier, die nicht unbedingt den Massengeschmack bedienen. Außerdem will ich nicht vor einer ausgestorbenen Timeline sitzen, wenn ich nachts um 4 betrunken nach Hause komme.

Interessant finde ich das Phänomen, dass sich durch gewisse Überschneidungstendenzen der Followings bestimmte Kreise bei Twitter formieren. Diese Subkulturen (ich unterteile mal grob in Wortakrobaten, Tech-Nerds, Schüler und Mimimimädchen) folgen sich gegenseitig, haben mit den jeweils anderen aber wenig zu tun. Das ist insofern bemerkenswert, da es einem ja völlig freisteht, wie man seine Timline zusammensetzt und dennoch viele völlig voneinander unabhängige Twitterer erstaunlich vielen gleichen Leuten folgen.“


@Naum_Burger

„Es sind inzwischen mehr als 310 Menschen, denen ich folge. Wären all diese Menschen in einem Raum, sprächen aus, was sie in ihren Tweets niederschreiben, es entstünde ein Stimmengewirr, wofern nicht gar ein Gesang: vielfältig und verführerisch – das ist mir wichtig.

Ich mache mir ein Bild von den Menschen in meiner Timeline, welches gewisslich nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Ich denke sie mir in ein Umfeld hinein, da befindet sich dann für mich der Mensch, dessen Tweet ich lese, dessen Stimme ich höre – mehr und mehr gewinnen die Stimmen an Deutlichkeit in meinem Kopf, meine Timeline ist ein riesiger Roman, der sich Tag um Tag fortschreibt.

Innere Monologe (Tweets) reihen sich aneinander und bilden eine Handlung reich an Wendungen. Die Stimmen flüstern und schreien und erzählen tapfer vom Alltag, erdichten groteske Begebnisse oder bereichern die Handlung durch Schweigen, nicht selten kommt es zu Dialogen, jene wieder verebben und späterhin neu anheben.

Folge ich einem ‘neuen Menschen’, entstehen weitere Handlungsstränge, entschließe ich mich, einem Menschen aus etwelchen Gründen nicht mehr zu folgen, ändert auch dies den Verlauf der Handlung.

Dass ich all die Menschen, denen ich folge, in meinem Kopf zu einem Roman verdichte, ist ein Kniff, ohne den ich nicht kann. Das Seltsame an dem Roman: auch wenn man nicht jede Seite liest, kann man doch den Geschehnissen, den Stimmen, den Gedanken der Menschen fast immer folgen. Ihre Schicksale rühren mich an und machen mich neugierig auf mehr. Darum folge ich denen, denen ich folge. Darum lese ich Tag um Tag ein paar Seiten.

Denn meine TL ist ein Roman – und was für einer.“


@murkeleien

„Zeig mir deine Timeline, und ich sage dir, wer du bist – nun, ein bisschen ist das wohl so. Als ich zu Twitter kam, vor ziemlich genau drei Jahren in einem tristen September, da meldete ich mich an, um etwas gegen meine Schreibblockade zu tun. Um Inspiration zu suchen. Zwei der ersten, denen ich folgte – und bis heute folge waren @tochtervon, die heute leider nicht mehr twittert, aber manchmal noch durch Favs in Erscheinung tritt – und @luzilla, die ihre ganz eigene, bezaubernde Art der Alltagsbeobachtungen hat. Aber es gibt auch Menschen wie zum Beispiel @antiprodukt, die ich sehr gerne lese, weil sie meinen Horizont erweitert. Das als minimale Auswahl des harten Kerns meiner heißgeliebten Timeline.

Ich mag es, wenn jemand authentisch schreibt. Ja, das böse Wort ‘authentisch’. Wenn ich von dessen oder deren Alltag erzählt bekomme, mal witzig, mal ironisch, auch mal zynisch. Ich möchte berührt werden von Tweets. Ich mag es gerne echt, ohne erzwungene Comedy, ohne das Schielen aufs Leaderboard, und ich mag auch das, was einige als ‘Emo’ bezeichnen – ich selbst bin ja nun ausgewiesene Hardcore-Emo-Twitterin. Phasenweise. Ich folge Menschen (und ja, das muss man immer bedenken, hinter den Accounts, den markigen, lauten, leisen, traurigen und hypersensiblen Tweets stecken Menschen), bei denen ich mir vorstellen kann, sie auch im echten Leben gerne kennenzulernen. Viele habe ich auch tatsächlich schon getroffen. In den allermeisten Fällen war mein Gespür richtig. Ich nehme gerne teil, so wie ich gerne teilhaben lasse. Am Leben. Twitter ist für mich ein Sammelsurium an verschiedensten Leben, meine Followings sind Fenster in fremde Welten, Gedankenströme, Hirnwindungen. Inspiration geben sie mir. Vertrautheit, einige. Und immer wieder gerne die Flucht aus dem Alltag.

Übrigens schreibe ich trotz – oder wegen? – Twitter immer noch nicht viel mehr als vorher. Aber ich habe mir mein eigenes kleines Universum geschaffen.“


@durst

„’Followings!’, hört man mich lauthals seufzen, während ich mir mit meinem Smartphone affektiert Frischluft zufächele und gekonnt eine Leidensgrimasse imitiere, ‘Followings – es geht nicht mit ihnen, aber auch nicht ohne sie!’

Der Grund für meinen übertrieben theatralischen Auftritt ist der, dass für mich Followings, zu Deutsch: ‘die einen halt, denen wo man folgen tut’, natürlich der Hauptanreiz sind, hin und wieder einen raschen Blick auf das speckige Display meines twitterfähigen Telefons zu werfen, über das sich seidig glimmend die Timeline spannt. Und gleichzeitig ist das Gelesene, das mir diejenigen, denen ich folge, auf die trübe Netzhaut projizieren, zeitweise auch die Ursache dafür, dass ich voller Abscheu alle paar Minuten das Telefon an die Wand klatschen, den so entzauberten Froschtweet entsorgen und mir kopfschüttelnd ein neues Smartphone aus dem Spender ziehen muss.

‘Aber Dursti!’, hört man nun bereits kritische Follower per Mention an mir zupfen, während sie den zum Widerspruch erhobenen Zeigefinger in ein frisch gepiekstes Luftloch einhaken, ‘biste blöd, oder wat???? Auf Twitter kann man doch selbst bestimmen, wem man folgt und wem nicht. Dit is ja dis Goile!!!!! ;-) Bist also durchweg selber schuld, als ewiglicher Zürner, als pausenlos anklagender und unkonstruktiver Kritiker am Zeitleistenstrom zu züngeln! Bist komplett alleine dafür verantwortlich, dass Läuse dir eine Autobahn über die Leber tapeziert haben! Warum folgst du auch Leuten, die du nicht ausstehen kannst, Dummerle? Müsstest doch einfach nur das Eject-Knöpflein bei denjenigen drücken, die du nicht lesen magst, du schales Glas Wasser. Erkläre dich also, sprich!’

Meine kühle Orangina blubbert leise, als ich zur Überbrückung einer Denkpause an ihrem Strohhalm zuzele, bevor ich räuspernd dazu ansetze, auf diese legitimen Fragen eine möglichst befriedigende Antwort zu geben.

In der Tat bestimmt die Auswahl derer, denen man folgt, wie man Twitter erlebt. Die Followings machen das Programm, und das Angenehme daran ist, dass man, von unsäglichen Retweets einmal abgesehen, die einem – unerwünscht wie die Fresse von Ronald McDonald auf dem Getränkebecher eines Happy Meals – hin und wieder frech in die Timeline geballert werden, tatsächlich selbst für die Qualität der Programmzusammenstellung verantwortlich ist, die man sich so reinzieht. Welche Erlösung ist es doch, sich zur Abwechslung einmal komplett eigenständig aussuchen zu können, in wessen Geist man Gast sein möchte, wessen Leben man durch die 140-Zeichen-Lupe betrachten, mit wem man gar in der Twitterjugendherberge in St. Direkt-Messetschingen in einem gemeinsamen Stockbett die Nacht durchquasseln möchte! Und eben auch, mit wem nicht. Warum also freiwillig, wie ich es praktiziere, auch die dunkle, beinahe ungenießbar verkohlte Rückseite der Timeline an sich heranlassen? Warum bornierten Polittweet-Sauertöpfen folgen, die zu jedem noch so schmierigen Fetzen ‘Tagesgeschehen’, den ihnen Spiegel Online diktiert, etwas Lautes zu sagen zu haben glauben. Warum aus freien Stücken der erstaunlich großen Masse Beachtung schenken, die sich unreflektiertes ‘Prangern’ zum Hobby gemacht hat, sobald sie irgendwo eine vermeintliche Missetat schnüffelt, die unverzüglich einen offenen Brief, mindestens jedoch einen unbedingten Retweetbefehl zur Folge haben muss? Warum seelenlos rotierende Witzmaschinen lesen, die der Meinung sind, ein Wortspiel gereiche schon zum Amüsement, indem es existiere? Warum, zu allem Überfluss, freiwillig nach #tatort, #gntm und #bsf Tweets in der abendlichen Timeline spähen, wenn man selbst dem im Vergleich zum Internetangebot arg vorkonfektionierten Fernsehen längst abgeschworen hat und sich stattdessen still und ohne viel Aufhebens wieder den Serien, die man sich zu einem selbst bestimmten Zeitpunkt und maßgeschneidert auf die momentane Stimmung passend aus dem Netz gezogen hat, hingeben könnte? Warum #Piraten!!! dabei zusehen, wie sie sich in bester Weltmeeresschreckgespenstermanier gegenseitig zerfleischen, anstatt endlich im oben erwähnten Tagesgeschehen mitzumischen und dafür zu sorgen, dass die Medien mehr zu tun bekommen als sie in billigen Nautikwortspielen zu verheizen? Warum das Grauen, das sich ‘Top Tweets’ nennt, regelmäßig nach pharmakonzernumsatzsteigernden Tweets von @HerrTutorial durchforsten? Puh.

Wieso sich nicht stattdessen auf Followings beschränken, die einem das Herzel vor lauter Zuneigung in Strampelextase streicheln? Wieso den ganzen unbequemen, womöglich sogar vom eigenen Weltbild hart abweichenden Rest nicht einfach ausblenden? Wieso nicht in die kürzlich aus Bequemlichkeitsgründen erfundene Legitimation für kleingeistige Ignoranz namens ‘Filterbubble’ hüpfen und den ‘>:-(‘-Kommentarhotkey von der Tastatur knispeln? So viele ermüdende Variationen derselben Frage, auf die es zum Glück eine einfache Antwort gibt:

Ich will es nicht, und ich kann gar nicht anders – weil die Welt unbestreitbar vielfältig und vielschichtig ist, und alles, was man einfach nur des eigenen Missfallens wegen bequem ausblendet, um sich das Leben schöner zu simulieren, nur die Geistesträgheit fördert, die eigene Weiterentwicklung zum Stillstand bringt und einem somit dem unausweichlichen Tode unnötig beschleunigt näherbringt. Ohne das Bittere hat das Süße keinen Kontrast, vor dem es köstlich schmecken könnte, und deshalb ist zuerst einmal jeder Twitterer spannend und aufregend, und verdient, in all seinen Facetten begriffen zu werden. Doch schon schallt es mir vorschnell entgegen: ‘Jeder Twitterer? Gar jeder Tweet? Hallo??’ Hoppla, Obacht!, setze ich zur Antwort an – ‘Also auch jede Meinung? Geht’s noch, Durst?!’ Beileibe nicht!, führe ich weiter aus, denn ich habe natürlich gerade etwas übertrieben, um meinen Punkt anschaulicher darzustellen. In Wahrheit ist es eine regelrechte Kunst, eine dem eigenen Level an Aufnahmefähigkeit zuträgliche Balance zu finden zwischen Inhaltgebern, deren Tweets einem die Augen auf Mangagröße schwellen lassen, weil sie einen derart hohen ‘Ja, JA! JENAU DIT FINDICK OOCH!!!’-Anteil haben, dass man vor lauter Zustimmung durch das WLAN-Kabel zu ihnen kriechen und ihnen fieberhaft über das Köpfchen streichen möchte, bis es glüht – und eben auch solchen Twitterern, die mit jedem Tweet die Graugrütze unter dem Schädeldeckelchen schier zum Überkochen bringen, denen man skeptisch oder gar ablehnend gegenübersteht, weil sie eine von der eigenen abweichende, vielleicht durch Engstirnigkeit beschränkte oder auch geschärfte Sicht auf die Dinge haben, weil sie sich für Themen begeistern oder enragieren, die einem selbst nur ein müdes oder gequältes Lächeln auf die Lippen rufen. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich, diese Balance herzustellen, ohne gleich vollends in die rosarote Flauschbubble der gefälligen Followings abzudriften und meine Kritik ist hier, dass sich viel zu viele Leute viel zu wenig an eigener Aufnahmefähigkeit zutrauen und viel zu schnell aufgeben, also vorschnell ‘abschalten’, oder eben wegklicken, entfolgen, manchmal sogar blocken, was ihnen ihre Weltsicht und somit ihr Leben hätte bereichern können, wenn sie es als inspirierenden Kontrast zum eigenen Erleben wahrgenommen hätten, das man durchaus jederzeit in Frage zu stellen in der Lage sein sollte. Man ist stets merklich weiter vom Herzinfarkttod durch Echauffieren entfernt, als man glaubt. Ebenso fühlt man sich öfter gelangweilt, als dass man tatsächlich gelangweilt sein müsste, weil man seinem Contentteller zu ungenaue Beachtung schenkt und die schmackhaften, gesunden Erbslein übersieht, die unters ranzig-zähe Schnitzel gerollt sind, in dem man missmutig herumstochert. Ich plädiere hier also nicht für ein ‘Folge gewaltsam irgendwelchen Deppen, die du nicht ausstehen kannst oder belanglos findest, um dich selbst zu kasteien und in eitlem Masochismus auf törichte Weise Gehirnzellen abzutöten’, sondern bewerbe lediglich ein ‘Gib dich nicht gleich der Bequemlichkeit hin, die ein Entfolge-, Block- oder gar ein unsäglich verlogener Mute-Button dir anbieten. Sperr’ stattdessen die Augen auf und geh an deine moralische Belastungsgrenze! Entspannen und gefällig berieseln lassen kannst du dich immer noch ausserhalb von Twitter, beispielsweise offline auf einem Waldspaziergang bei einem netten Kaffeekränzchen mit Eulen, Rehen und, hier ist der Begriff ausnahmsweise einmal angebracht, flauschigen Eichhörnchen’.

Hier, der Vollständigkeit halber möchte ich mal an einem Beispiel veranschaulichen, welche Freiheiten mir meine Followingauswahl ermöglicht. Beispielsweise stimme ich im seltensten Fall mit ihnen überein, will aber dennoch auf dem Laufenden bleiben und mitbekommen, welchen tunnelblickbeschränkten Unsinn die berufsempörten Genderpopenders, die kackmistgabelschwingenden Netzsexist_Innen einem nun wieder ungefragt überhelfen möchten: ‘Kackscheisse auch im Tierreich?’, könnte ich da etwa zu lesen bekommen, und weiter: ‘Unser/e Feldforsch(er)_Innen/Aussen entdeckten auf einem ausbeut(er/sie)ischen Molkerei_Betrieb fladenförmige Exkrementscheiben, die jemand hinter den Kühen platziert hat. Und zwar, wen wundert es, ausnahmslos hinter weiblichen Tieren!!!!! ZUFALL?!?!ß?! WOHL KAUM!!!!11′

Ob ich mich dann aber darüber aufrege oder nicht – allein das ist meine Filtersouveränität, die ich einsetze. Ob ich mir gefalle, mich in einem spitzen Kommentar zum Gelesenen zu äußern, der vielleicht anderswo, nicht nötigerweise beim eigentlichen Adressaten, einen Denkanstoß zur Folge hat, oder ob ich den Tweet, die URL oder das Bild einfach übergehe, und stillschweigend toleriere, dass jeder von uns sich in unterschiedlichen Relevanzstrukturen bewegt, diese Entscheidung obliegt weiterhin mir selbst. Rezipiert haben möchte ich in jedem Fall – ganz egoistisch, um mich selbst um einen weiteren Eindruck und eine weitere Sichtweise bereichert zu haben, der ich zustimmend, neutral oder ablehnend im Stillen oder öffentlich gegenüberstehen kann.

Aber wie zuvor schon angedeutet, sind für mich all die blutdrucksteigernden, oft auch traurig oder gar misantrop stimmenden Einblicke in andere Denkmuster nur die kontrastierende Kulisse für diejenigen, um die es mir wirklich geht, und die für mich persönlich Twitter ausmachen: Die Wenigen, die mir die grausame Einsamkeit des Universums erträglicher machen, indem sie, im Übrigen meist völlig ohne Zuhilfenahme von stets blitzschnell zu jedem Thema abrufbarer ‘Meinung’, in der Lage sind, ein Gemeinschafts- und Wiedererkennungsgefühl in mir auszulösen. Vielleicht nur, weil sie gerade zufällig dieselbe Stimmungslage mit Worten zum Ausdruck brachten, in der ich mich just im Moment der Tweetlektüre selbst auch gerade befand. Vielleicht auch, weil ihre Tweets wieder einmal wie eine gemeinsame Kindheitserinnerung klingen, die man nur vergessen haben konnte, weil man ja in Wirklichkeit getrennt aufgewachsen war. Oder vielleicht, weil sie mich dazu bringen, hunderte Kilometer Reise auf mich zunehmen, um einmal gemeinsam mit ihnen den Hund Gassi führen zu können, den ich zuvor in ihren Tweets als fideles, aber etwas dümmliches Kerlchen portraitiert fand.

Ganz allgemein formuliert hingegen ist für mich eine der schönsten Eigenschaften von Twitter, dass es uns alle auf die gleiche Ausgangsbasis zurückwirft. Meiner Meinung nach geht es nicht darum, ‘es’ auf Twitter zu ‘etwas’ zu bringen, sondern SICH zu bringen, seiner Persönlichkeit freien Lauf zu lassen. Nicht wie sonst so oft Aussehen, sozialer Stand, oder die zweifelhafte Fähigkeit, sich schamlos in den Vordergrund zu drängen, sind entscheidend, um wahrgenommen zu werden. Zumindest inneralb des Twittersubsystems, in dem ich mich gerne bewege, zählt stattdessen einzig und allein die Fähigkeit, mittels getippter Sprache (und dem gelegentlichen, obligatorischen Caffellatteinstagram) seinen Geist in eine Form zu gießen, die bei einem anonymen Gegenüber eine Empfindung auslöst. Dass diese Empfindung dabei nicht notgedrungen positiv sein muss, dass es nicht zwingend darum gehen muss, mit seichten Witzchen Heileweltstimmung zu verbreiten oder möglichst dem Massengeschmack zu entsprechen, sondern vor allem Authentizität und originäre Inhalte, die Seele durchblitzen lassen, Wertschätzung finden, sollte jeden in die erfrischende Lage versetzen, völlig vorbehaltslos zu entdecken, was dieses sozialste aller Netzwerke einem zu bieten hat – und man ihm.

Nach diesen anstrengend pathetischen Schlussworten und mit besorgtem Blick auf meine bereits bedenklich geleerte Orangina muss ich nun aber schon wieder entschuldigt werden und mich zurückziehen, um mit einem lachenden und mit einem zuckenden Auge weiter auf die Timeline zu starren. Folgt mir, wenn ihr wollt! Bis gleich!“

Ebenfalls kleiner Drei:

Fünf Twitterer, ein Stichwort: DM.
Fünf Twitterer, ein Stichwort: Fav.
Fünf Twitterer, ein Stichwort: Retweet.

5. September 2012  1 Comment

“Ich erkläre meine Tweets nicht mehr”- Ein Interview mit @bangpowwww

Twitterhuder Abendblatt: Hallo Clara. Klassische Einstiegsfrage: Wie bist Du auf Twitter aufmerksam geworden und wie kam es, dass Du zu einem so aktiven Nutzer wurdest?

@bangpowwww: Die Frage ist in der Tat klassisch. In meinem Fall fungierte mein damaliger Freund @lasermaki in der Rolle des “Trendforschers”. Eines Tages trat er mit Anlauf die wuchtige Tür zu unserem Arbeitszimmer ein, um aufgeregt in einem lauten, aber gleichsam sicheren Bass zu verkünden, er habe jetzt das neue große Ding am Start: Twitter. Das machte mich schon etwas neugierig. Ich solle mich auch anmelden. Nein, Internet interessiert mich gerade nicht, mein Sohn, antwortete ich. So zogen die Tage ins Land.

Irgendwann wollte ich mich dann vorsorglich vergewissern, dass er sich bei diesem Twitter nicht hinter meinem Rücken mit Lederschwulen oder Funsport-Aktivisten verabredete (tat er nicht) und bat um eine genauere Erklärung des Phänomens Twitter. Die User, die er mir nun versuchte näher zu bringen, dürften damals genau Drei an der Zahl gewesen sein: Sascha Lobo, den ich bereits aus dem Fernsehen kannte, der Vergrämer und Peter Breuer. Mehr deutsche Twitterer gab es damals einfach nicht. Deren Tweets waren zwar irgendwie witzig, allerdings nicht für mich, denn mir geisterte ständig die Frage “Warum machen die das eigentlich?” durch den Kopf. Ich war aber auch irgendwie viel zu beschäftigt mit Schwänzen (Uni), TV rattern und mein Gesicht für das webbasierte Lokalforum mit dem Photoshopfilter “Diffuse Glow” dezent aufzuhübschen. Ich vertagte das Beantworten der Frage und das Beitreten zum Twitternetzwerk vorerst.

Dennoch aktivierte ich mir irgendwann im Suff, keine Ahnung in welchem Jahr das genau gewesen ist (die Leute entdeckten gerade diese neckisch gestreiften V-Neck Shirts), einen Account, der aber lange Zeit nur sporadisch durch mich genutzt wurde.

Ich bin dann nach Berlin gezogen, weil ich interessiert, jung und wild war, und mich nicht an die Leere der kleinen Orte und an die gut eingespielten Menschen verschwenden wollte, und habe mir ein internetfähiges Smartphone zugelegt, um mich in Berlin nicht zu verlaufen. So hat es begonnen. Ich twitterte dann von unterwegs über getragene Höschen auf Flohmärkten, über meine Flirts mit dem 80jährigen Pizzaboten, über geklaute Fahrräder, das Rumgammeln auf Hausdächern, die Eigenarten der Menschen und über soziale Konstrukte, die ich als sehr feinfühliger Charakter ständig ungefiltert wahrnehme.

Für mich ist Twitter bis heute eine Plattform, die ich fast ausschließlich über mein akkuschwaches Smartphone nutze. Das ganze Interface der Webseite nervt mich einfach nur schrecklich an. Ich brauche diese flüssigen und intuitiven Scrollbewegungen zum Lesen und mag die kleine Verzögerung bis die Textzeilen nach dem Scrollen endlich still stehen.

Ich bin kein clever taktierender Nutzer bin, der für Favs oder Retweets ewig lang an seinen Tweets rumtüfftelt, sondern jemand, der ungefiltert seine Gedanken und Erlebnisse raushaut. Ich denke, das merken meine Follower auch. Daher gibt es Tage, an denen schreibe ich einen Tweet, oder keinen, oder zehn Tweets. Es gibt nichts Schlimmeres als Menschen, oder in diesem Fall User, die immerzu schrecklich bemüht wirken. Niemand umgibt sich gerne mit ihnen. Twitter sollte sich mal entkrampfen!

Dass mir mittlerweile 12000 Menschen auf Twitter folgen ist ein Privileg für jemanden wie mich, der viel zu erzählen hat. Es ist ein gutes Gefühl, dass die eigene Stimme gehört wird. Ich bin ein politischer Mensch und mir liegen bestimmte Thematiken sehr am Herzen, die durch meine Tweets einfach eine unglaublich große Anzahl an Menschen erreichen. Außerdem ist die Möglichkeit direktes Feedback zu erhalten für mich unbezahlbar.

Twitterhuder Abendblatt: Mit 12.000 “echten” Followern bist Du wohl einer der prominentesten Accounts auf der Plattform. Wie ist das passiert? Kam das schleichend oder plötzlich und wann wurde Dir klar, dass Deine Tweets hier supererfolgreich sind?

@bangpowwww: Ich twittere eigentlich genauso ungefiltert wie am Anfang. Der Output ist ein unterhaltsames Gemisch aus Weisheiten, groben Pöbeleien, Fotos und immer ehrlich, kritisch und selbstironisch. Ich denke die Leute mögen es einfach, wenn man Dinge beim Namen nennt und sich dabei selbst nicht schont. Hinter diesem Account steckt ein Mensch und keine fiktive Figur, das merkt man schnell. Ich bin greifbar. Häufig frage ich in die große Runde, ob jemand einen Kaffee mit mir trinken will oder mir beim Aufbahren eines Kaninchens helfen möchte, das hält die Schwelle niedrig. Trotz 12000 Followern gibt es keine von mir gelebte oder gefühlte Hierarchie.

Twitterhuder Abendblatt: Kannst Du das mal mit Facebook vergleichen, wo Du auch einen Account betreibst – was ist der Unterschied?

@bangpowwww: Twitter hat sich einfach in meinen Alltag integriert und im Unterschied zu Plattformen wie Facebook oder dem ganzen anderen Quatsch, den man sonst noch so als junger Mensch macht, nutze ich Twitter als Lückenfüller in der U-Bahn, beim Zähneputzen oder während des Anstehens an der Supermarktkasse. Das läuft so nebenbei ab. Ich lasse mich in langweiligen Momenten durch meine Timeline berieseln. Facebook nutze ich primär über den PC, weil ich hier die App einfach unglaublich hasse, und daher ist das Nutzerverhalten ein vollkommen anderes: Links verschleudern, Dates vereinbaren oder mit @Pokerbeats über seine Tempura fachsimpeln.

Facebook ist dennoch unverzichtbar um mein Leben zu organisieren, Kontakte zu knüpfen, oder interessante Menschen für Projekte zu rekrutieren. Hier “tummeln” sich auch die Freunde und Künstler, die keine Lust auf Twitter haben. Facebook vereint irgendwie alles und ist so eine Art zentrale Intelligenz oder Mutter des Internets. Twitter, oder auch SoundCloud sind für mich aber oft ein schönerer Weg Inhalte gezielter zu filtern und zu konsumieren. Habe ich Lust auf kurze Meldungen? Twitter! Habe ich Lust auf Musik? SoundCloud! Außerdem bin ich ein ganz großer Fan des GoogleReaders und lese jeden verdammten Tag eine unglaubliche Menge Blogs. Wie war die Frage nochmal?

Twitterhuder Abendblatt: Zum Thema “Schreiben”: Deine Tweets sind oft punkige und provokative Alltagsbeobachtungen aus der Großstadt, wenn ich das mal zusammenfassen darf  – wie hat sich dieser Stil entwickelt und siehst Du twittern als “richtiges” Schreiben und wo ist denn Deiner Meinung nach der Unterschied dazu, längere Texte zu verfassen?

@bangpowwww: Beobachtungen sind ja kein Stil. Du musst erst eine Beobachtung treffen, dann eine Erkenntnis daraus ableiten und diese dann punktgenau in 140 kleine Einheiten packen. Das ist purer Minimalismus. Ich werfe meine Gedanken in die Welt da draußen, aber ich erkläre sie nicht. Ich erkläre meine Tweets nicht mehr.

Der Unterschied zum “normalen” Schreiben wird mir besonders deutlich beim Schreiben meines Romans. Ich bin es gewöhnt Punchline an Punchline zu heften und Artikel für die INTRO und ähnliche Magazine zu schreiben. In meinem Probetext zum Roman jagen sich die Pointe bis alle tot sind. Die erste Version meines Probetextes wurde von meinen nichttwitternden Freunden gnadenlos in den Boden gestampft: Viel zu schnell und wen ich überhaupt damit fertig machen will? Ich musste mich dann erstmal wieder in das Schreiben von längeren Fließtexten einarbeiten. Aber das verlernt man nicht und ich war überraschend schnell wieder in der Materie. Vielleicht weil ich in meinem Leben so schrecklich viel gelesen habe. Irgendwie steckt der Schreibfluss dann in einem. Das Buch wird also großartig!

Ich führe ein spannendes Leben. Dieses Leben habe ich mir immer gewünscht, denn ich verwirkliche mich gerade selber mit meinem Roman, mein Freund arbeitet in einem der weltweit spannendsten Start-Ups der Welt, in ein paar Wochen reise ich nach San Francisco um von dort zu arbeiten und mit einem Cadillac Cabrio durch die Wüsten, Nationalparks und entlang der Küstenrouten zu reisen. Ich trinke viel und bin lang wach. Ich habe einen Freundeskreis, der intelligent und humorvoll ist. Spannenden Menschen, die erfolgreich und voller Passion Dinge tun, die mich und viele andere Menschen inspirieren. Künstler, Programmierer, Nerds, Autoren und Musiker. Mein Leben könnte kein Besseres sein und ich erlebe diesen Scheiß jeden Tag. Ich bin vollgestopft mit den Leuten am Kottbusser Tor. Ich bin wie ein gottverdammter Schwamm, wenn ich durch diese verdammte Stadt und dieses Leben gehe. Ich möchte von Eindrücken bereichert werden. Wer aufhört aufzusaugen wird nicht mehr fetter und trocknet aus. In mir haben sich 26 Jahre lang Erkenntnisse und Momente gesammelt. Twitter ist ein perfektes Format, um diese Gedanken abzuladen.

Twitterhuder Abendblatt: Thema Berlin. Muss man als Twitterer eigentlich Berliner sein, um das Phänomen wirklich komplett zu verstehen? Die Dichte “ernsthafterer” Twitterer in Deutschland dürfte wohl nirgendwo höher sein. Zusatzfrage: Hast Du eigentlich auch Freunde, die mit diesem Kram nix am Hut haben?

@bangpowwww: Nein, man muss kein Berliner sein, um das Phänomen Twitter zu verstehen. Allerdings sollte man auch kein vor Neid zerfressenes Arschloch sein und Berliner “ja so voll hassen”, weil die alle nur Hipster sind und Twitter sowieso blöd ist (und das dann auch noch über Twitter kommunizieren). Berlin hat eben Vorteile, weil sich aufgrund der großen Bevölkerungsdichte und der hohen Einwohnerzahl viele Menschen und Twitterer hier finden. Gerade für im Bereich Social Media und Web sitzen eben die Menschen hier, die die Strippen ziehen. Werber, Autoren, Künstler, Start-Ups und so weiter und so weiter. Das ist übrigens der Grund warum ich hier bin. Man kann das natürlich alles total uninteressant finden, aber jeder der diesen Style und das Lebensgefühl der Berliner so glühend hasst, macht sich für mich unglaubwürdig. Das ist wie sich ständig ein stumpfes Messer in den eigenen Leib zu rammen, um zu verdeutlichen, dass man mit Messern nichts am Hut hat.

Mein Freundeskreis ist gemischt. Ich bin oft ein sehr launischer Mensch und meine Freunde wissen und akzeptieren das. Einiger meiner Freunde twittern und einige inzwischen sehr gute Freunde, wie Prinz Pi oder Onrie habe ich erst über Twitter kennen und schätzen gelernt. Aber eigentlich ist es eben wie im echten Leben: Du unterhältst dich mit einer bestimmten Menge Menschen A, von der eine Menge B aus totalen Spackos besteht. Die Menge C besteht aus denjenigen Menschen, die dich bereichern und mit denen du ein gutes Gespräch führen kannst. Da die Anzahl meiner Kommunikationspartner bei Twitter größer ist, ist natürlich auch die Zahl der Pleppos größer, aber das Verhältnis zu jeder anderen Anhäufung von Menschen bleibt gleich. Ich kann euch also beruhigen, ihr könnt ruhig auf ein Twittertreffen gehen! Dort sind genauso viele Idioten und großartige Menschen wie sonst auch überall.

Twitterhuder Abendblatt: Du bist freiberufliche Texterin, Redakteurin und auch im Großbereich Social Media unterwegs. Hilft Twitter Dir auch für Deinen Job, trotzdem Du nicht journalistisch twitterst?

@bangpowwww: Durch Twitter konnte ich mir einen Namen machen, obwohl ich, wie du sagst, privat und nicht “journalistisch” twittere. Meine Kunden kennen die Person hinter den Tweets inzwischen genau und spielen mir häufig interessante Aufträge zu, die gut zu meinem Leistungs- und Ideenspektrum passe. Twitter ist ein Portfolio für meine Kreativität. Der Mehrwert und die Selbstreferenzierung ist für Kunden hier oft größer, als eine langweilige Auflistung für welche Autohersteller man schon welches Konzepte erarbeitet hat. Ich liefere jeden Tag ab und das vollkommen transparent. Ich möchte keinen getrennten geschäftlichen Account führen, sondern mein Privatleben und meinen Beruf bewusst zusammenführen, um einen möglichst großen Mehrwert für mich und meine Kunden zu erreichen. Diese kennen, insofern sie aufmerksame Leser sind, meine Schlafgewohnheiten, sie wissen wann ich im Park sitze, statt zu arbeiten, aber sie wissen eben aber auch wie fleißig ich bin, wie viel Arbeit ich jeden Tag stämme. Sie wissen aber auch, dass sich mein Leben anders organisiert als ein 0815-Job im Büro. Der Kontakt und die Beziehung ist einfach direkter und ehrlicher. Mein Mailpostfach und meine Replys quillen über vor Anfragen, Lob und Kritik. Mit einigen Kunden komme ich über diesen direkten Weg ins Gespräch und kann sie dank meiner fachlichen Kompetenz und meiner Ideenfülle schnell davon überzeugen, dass ich nicht nur die lustige Twitterin bin, die über Pfandflachen twittert, sondern auch eine ernstzunehmende Texterin und Journalistin.

Twitterhuder Abendblatt: Genereller gefragt: Was macht Twitter eigentlich mit dem eigenen Leben, wenn man es so dauerhaft und ausführlich betreibt?

@bangpowwww: Twitter und Facebook fühlen sich nicht wie etwas an, das man zum Leben dazuaddiert und dann eine neue Summe erhält, sondern wie das verdammte Pluszeichen ohne das die ganze Rechnung nicht funktioniert.

Twitterhuder Abendblatt: Ein interessantes Thema: Followings. Ich habe festgestellt, dass ein Großteil der erfolgreicheren Twitterer so um 500 Accounts oder weniger folgt. Bei Dir sind es knapp 400 Leute aus den unterschiedlichsten Richtungen. Wie wählst Du aus, wem Du folgst und liest Du wirklich alle Leute oder auf Liste, zufällig mal rein etc?

@bangpowwww: Ich folge Menschen, die auf irgendeine Art und Weise mein Interesse geweckt haben. Im echten Leben oder durch Replys. Oft werden mir auch durch Retweets Neuentdeckungen in die Timeline geschmiert, die dann mein Interesse erregen. Mit den meisten Leuten, denen ich folge, stehe ich in irgendeiner Form in Kontakt. Bisher sind es einfach 400 Menschen, die zunächst nur eine Zahl sind, vielleicht sind es in einem Jahr auch 8000. Aber ich habe das Gefühl, dass diese Masse Menschen für mich zwar noch gut durchschaubar ist, aber immer noch so undurchschaubar um manchmal etwas überraschend Neues zu lesen. So setzt sich das zusammen. Bei mir sind es 400. Bei anderen 500 oder 8.

Dennoch lese ich natürlich nicht meine gesamte Timeline. Ich schaue in der S-Bahn, im Wartezimmer oder wenn ich eben mal ein paar Minuten über habe, einfach querbeet in meine Timeline und lese was gerade so passiert. Wenn ich diese Zeit nicht finde, oder gezielter auf der Suche bin was meine Freunde heute so machen, dann lese ich eben nur eine Liste, auf der Freunde oder gute Bekannte sind. Ich habe auch Listen für journalistischen Input, für Partys und Clubs, Kunst und ich folge Musikern mittels einer Liste.

Twitterhuder Abendblatt: Kommen wir mal auf Deine künstlerischen Aktivitäten zu sprechen: Du machst auch Streetart, Kurzfilme und anderen Kram. Erzähl doch mal ein bisschen über Deine Aktivitäten in dem Bereich und in welchem Verhältnis sie zum Schreiben stehen.

@bangpowwww: Ich möchte mich einfach im Spektrum meiner Arbeit nicht festlegen und Ideen, die mir in den Kopf kommen auch einfach umsetzen. Ich kenne zu viele Leute, die exzellente Ideen droppen, diese aber nicht umsetzen. Ich habe eine Idee und ich setze sie um. Dafür brauche ich kein Kunststudium. Für mich ist das auch keine Kunst, sondern eine Aktion, die mir Spaß macht und die dem Betrachter oder dem Konsument Freude bereiten soll. Derzeit steht ein Projekt an für das ich alte Fernseher umbaue und zu einem neuen Produkt verwandele. Man darf gespannt sein. Meine Aktionen und Aktivitäten stehen natürlich in Verbindung zu meinem “Schreiben”. Ich als Person bin der Mittelsmann.

Twitterhuder Abendblatt: Zum Ende: Wenn Du Dir eine Frage (über Twitter) selbst stellen dürftest: Welche wäre das und wie lautet denn die Antwort?

@bangpowwww: Wie sieht deine Zukunft aus? Frag in ein paar Jahren nochmal!

Twitterhuder Abendblatt: Vielen Dank für das Interview <3.

7. August 2012  Leave a comment

Fünf Twitterer, ein Stichwort: Fav.


@Amaot

„Favs sind vieles, aber eins sind sie nicht: egal. Ihrer Bedeutung liegt wohl irgendwo zwischen ‘Ich werde gefavt, also bin ich’ und ‘War ich gut?’ nach dem Sex. Dabei sind Favs vor allem ein kurzer Moment der Anerkennung im schnellen Strom der Tweets. Ein Zeichen, dass man gelesen und vielleicht auch verstanden wird. Und wenn es einen tieferen Sinn hinter Twitter gibt, ist er das. Letztlich hampeln und turnen wir doch alle winkend in dieser großen Kommunikationshüpfburg herum, um in irgendeiner Form wahrgenommen zu werden. Manche hüpfen elegant, andere gemeinsam im Kreis und wieder andere mit urkomischen Verrenkungen – aber alle winkend ‘Hallo hier bin ich’. Wer anderes behauptet, schließe seinen Account ab und lese fortan nur noch.

Einige machen eine Wissenschaft daraus, berechnen in einer komplizierten Arithmetik aus Follower, Primetimes und Inhalten die Chance auf den großen Durchbruch eines Tweets. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte noch nicht versucht, das Fav-Verhalten von Twitterern in freier Wildbahn zu ergründen. Doch wahrscheinlich muss man noch die Mondphasen, die durchschnittliche Temperatur des Badewassers und das Wohlbefinden der Katzen miteinbeziehen – Raketenwissenschaft ist ein Fliegenschiss dagegen. Und am Ende steht man dann wie Sternentaler frierend auf dem offenen Feld, hält sein Nachthemd auf und wartet darauf, dass es Sterne regnet. Dabei ist es nicht die Masse, es sind einzelne Favs, die mich freuen. Für mich sind es vor allem die Personen, die faven. Und wenn dann mal die komplette Glitzerparade mit den Regebogen kotzenden Einhörnern über mich hinwegmarschiert, ist das auch ganz schön. Selber fave ich, wie ich tweete: Aus dem Bauch heraus. Vielleicht finde ich deshalb die mal mehr oder weniger versteckte Bettelei nach Favs befremdlich, wenn Mentions von Favstar wieder ins Rennen geschickt werden, oder die eigene Favstarseite im Profil verlinkt wird. Aber dann denke ich mir, ‘Hey, das ist Twitter und Twitter ist immer das, was man selber daraus macht. Nicht mein Bier’. Bier? Bier ist ein gutes Schlusswort.“


@HausOhneFenster

„Der Fav ist das ‘Gefällt mir’ für Twitter. Oder auch einfach das ‘Fein gemacht’ im Web 2.0. Und so war es auch schon vor tausenden von Jahren. Ein Fav zeigte dem Verfasser / der Verfasserin eines Tweets: der Tweet war gut, er hat jemandem gefallen, der Tweet hat Aufmerksamkeit erregt, der Tweet wurde wahrgenommen.

Mittlerweile interpretieren Favgeber und Favnehmer den Fav deutlich weitreichender und immer auch deutlich persönlicher. Heutzutage kann ein Fav zum Beispiel auch bedeuten:

‘Den Tweet fand ich gut.’ – ‘Ich hab gesehen, dass Du online bist.’ – ‘Ich glaube, ich mag Dich vielleicht ein wenig, würde es Dir aber nie persönlich sagen.’ – ‘Mir geht’s gerade auch so, wie in dem Tweet beschrieben.’ – ‘Manchmal geht’s mir auch so, wie in dem Tweet beschrieben, aber nicht immer und ich hoffe, Du weißt, wie ich das meine, ja? Wollen wir vielleicht mal einen Kaffee zusammen downloaden?’ – ‘Mir geht’s eigentlich nie so, wie in dem Tweet beschrieben, aber was soll’s!’ – ‘Oh Mist, verklickt!’ – ‘LOS, BEMERKE ENDLICH, DASS ES MICH GIBT UND ICH DEINE TWEETS LESE!’

Daraus resultierend hat sich eine Fav-Industrie entwickelt, die täglich neue Fav-Interpretationen auf den twitternden Markt wirft und sich daran erfreut, dass etwa ein Erdbeergeschmack-Fav oft verwendet wird, ein Emotions-Fav fast noch häufiger und ein seltener Qualitäts-Fav noch nicht ganz ausgestorben ist.

Favs sind kostenlos und unterliegen keinen steuerpflichtigen Abgaben. Man kann sie nicht essen und nicht davon leben. Aber sie sind gut für das eigene Wohlbefinden und, so sagt man, für die Seele. Aber nur, wenn man eine hat. Wenn man Twitterer früge, würde das allerdings niemand zugeben. Vermutlich würden viele Twitterer die Existenz von Favs einfach leugnen oder erstaunt die Augen aufreißen und ‘Was, so etwas gibt es wirklich?’ ausrufen. Und selbst wenn sie das nicht rufen würden, dann würde ich ihnen gerne die Augen aufreißen und meinerseits rufen: ‘Ja, so etwas gibt es wirklich!’ Aber vermutlich dürfte ich das nicht. Körperverletzung und so.

Ein schöner Umstand ist es, dass die Favs in Form von kleinen Bildchen angezeigt werden, die entweder den Favgeber selber zeigen oder halt irgendetwas anderes. Diese Bildchen kann man stundenlang betrachten, vergleichen, Interpretationen dazu ausarbeiten oder einfach ablecken. Aber das bleibt natürlich jedem selbst überlassen.“


@KiraSonnenberg

„Faven ist eine Kommunikationsform, sehr komplex und vielschichtig: Wer favt wen, wann und was? Mein Fav macht mich zu einem Teil Deines Tweets. Er kann schallendes Gelächter bekunden und Applaus. Er kann Zustimmung und Wiedererkennen ausdrücken, aber auch ein Lächeln, oder Dankbarkeit für Worte, die ich nie fand. Manchmal zeigt Dir mein Fav mein Mitgefühl, dann klopfe ich Dir auf die Schulter oder umarme Dich. Manch einer gibt Dir nie einen Fav und doch hört er Dir zu. Nichtfaven heißt nicht unbedingt Nichtmögen, vielleicht bin ich gerade nur in einer anderen Stimmung. Vielleicht ist Dein Tweet auch ganz wundervoll, aber er gehört zu Dir und mein Nichtfaven ist ein Ausdruck meines Respekts.

Mein Fav gehört Dir. Du kannst ihn zu den anderen zählen wie Onkel Dagobert Goldstücke. Vielen zu gefallen, sich möglichst gut zu verkaufen hat aber durchaus nicht für jeden Account Priorität. Was wenigen gefällt, kann kostbar sein wie ein einzelner Stern, der Dir einen ganzen Himmel bedeutet.“


@formschub

„Ach, Favs … Als ich mich 2008 bei Twitter anmeldete und am 15. September meinen denkwürdigen ersten Tweet eintippte, wusste ich nicht, was das kleine Sternsymbol überhaupt bedeutete. Ich war zwar nicht mehr jung, aber ahnungslos. Erst, als in den Tweets meiner Followings das seltsame Wort ‘Favs’ immer häufiger auftauchte, fand ich heraus, was es mit dieser Funktion auf sich hat. ‘Ah, ein Gutfindbutton!’ dachte ich und nutzte dieses neue Feature fortan, um im Strom der vorbeiziehenden Tweets kleine Anker zu setzen, damit mir die geistreichsten davon nicht unauffindbar entschwanden. Doch dann tauchte die erste Schlange im Twitterparadies auf. Sie nannte sich Favotter und stellte die Fremdbesternung von Tweets in einem virtuellen Schaufenster aus. Fortan konnte man (ich) sehen, welche der unschuldig eingetippten Belanglosigkeiten bei besonders vielen Mittwitterern auf Anerkennung stießen. Und – ich gebe zu – ich erlag der Versuchung dieses Popularitätsspiegels, stellte mich mehrmals täglich davor und sonnte mich im goldgelben Glanz der erhaltenen Sterne. Es folgten Favrd, Favstar, die deutschen Favcharts und zuletzt Tweetster. Klicken, gucken, zählen, vergleichen. Ja, ich habe sogar irgendwo auf der Festplatte noch ein paar Screenshots, als ich mal den einen oder anderen Tag lang auf Platz 1 der deutschen Favcharts stand. Mal ehrlich: genießt es nicht jeder, im unglaublichen, endlosen Rauschen des Netzes auf diese oder andere Art ein kleines Glanzlicht aufgesetzt zu bekommen? Ist doch okay – und es schadet ja keinem. Peinlich wird es, finde ich, wenn Favs eingefordert werden. Wenn famose fremde Tweets wortwörtlich oder mit notdürftig verschleiernden Änderungen vorsätzlich geklaut werden, um Favs einzuheimsen. Oder wenn Besternungsmeldungen der Favdienste eigenhändig retweetet werden, um den Scheinwerfer auf die eigene Originalität zu richten. Der Glanz der Sterne, die darauf folgen, ist ein matter.

Auch heute schaue ich immer noch gerne bei Favstar und Tweetster rein, freue mich, wenn ein Tweet, bei dessen Eingabe ich grinste, Sterne bekommt und schmolle ein bisschen, wenn nicht. Lächle, wenn ein Twitterer, dessen Wesen und/oder Tweets ich selber sehr schätze, unter den Besternenden ist und genieße es, wenn ab und zu ein ‘Fünfziger’ oder ‘Hunderter’ dabei ist. Aber mein Platz in irgendeiner Rangfolge interessiert micht nicht mehr wirklich. Ich versuche, die Sterne, die ich bekomme, wieder so zu sehen, wie die, die ich selber vergebe. Die nicht schweigen, sich aufreihen und gezählt werden wollen, sondern dem Verfasser einzeln leise ins Ohr flüstern: ‘Du… das hat mir gefallen.’“


@nachtlos

„Der Fav. Favorisieren. Nur ein Klick und der andere weiß, dass da gerade jemand ist, der wahrnimmt, was ich gerade in die Timeline ‘geschmissen’ habe. Ich persönlich fave, wenn mich etwas berührt, mich zum lachen oder staunen gebracht hat – oder schlicht & ergreifend, wenn ich sagen will: ‘Ich verstehe Dich so gut.’ – Ich finde es großartig, dass es diese Möglichkeit gibt, innerhalb weniger Sekunden und vorallem durch nur einen Klick, genau diese Gedanken mit anderen zu teilen.

Portale wie Favstar summieren das Ganze und sammeln die sogenannten ‘Best-Ofs’ eines Twitterers, in denen man sich oft mal festlesen kann. Auch wenn ich nicht zum ‘alten Eisen’ auf Twitter gehöre und erst knapp ein Jahr meinen Account unprotected habe – aber, ich kann durchaus sagen, dass diese Art der Kommunikation ein fester Bestandteil meiner Kommunikation auf Twitter geworden ist. Es macht mir Spaß und ich freue mich, wenn es anderen auch Spaß macht. Der Fav. Favorisieren. Ein Klick hinter dem soviel Aussagekraft steht, jedoch nicht zum realitätsfernen ‘Wettkampf’ werden sollte… So, und jetzt favt mich durch.“

Ebenfalls kleiner Drei:

Fünf Twitterer, ein Stichwort: DM.
Fünf Twitterer, ein Stichwort: Follower.
Fünf Twitterer, ein Stichwort: Retweet.

27. June 2012  2 Comments

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